Eines schönen morgens

Kirche in WDR3 | 13.12.2022 | 00:00 Uhr

Guten

Morgen!

Eines

Morgens merkt sie: Etwas ist anders. Irgendetwas ist geschehen in dieser Nacht

oder in den frühen Morgenstunden. Eine schwere Last ist auf einmal wie

weggenommen. Dabei hatte sie sich fast schon daran gewöhnt, dass sie jeden

Morgen wieder da war, diese tiefe Bedrücktheit, diese schwere Trauer. „Mitten

aus dem Leben gerissen“, so stand es in der Traueranzeige für ihren Mann, der

plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben war. Mitten aus dem Leben gerissen,

aus ihrem Leben gerissen, ein Stück ihres eigenen Lebens mit fortgerissen, von

einem Moment auf den anderen. Der Schmerz hat lange sein Gewicht auf sie

gelegt. Tag für Tag, Monat für Monat. Aber jetzt ist plötzlich der Morgen

heraufgekommen. Und über Nacht ist er endlich gegangen, der tiefe, der große

Schmerz. Irgendwer hat den schweren Mantel der Traurigkeit von ihr genommen.

Sie kann es noch gar nicht richtig glauben. Langsam steht sie auf, stellt sich

auf ihre Beine. Und sie merkt, es ist leichter geworden, auf dem Boden zu

stehen. Den letzten Schlaf wäscht sie sich aus dem Gesicht, kämmt sich das

Haar, langsam und konzentriert. Sonderbar: Es ist, als ob sie mit jedem

Bürstenstrich letzte Reste von Schmerz herausstreicht. Vorsichtig und bedacht

beginnt sie mit den ersten Handgriffen des Tages. Seltsam, es scheint, als habe

ihr jemand ein großes Versprechen gegeben, als habe ihr jemand versprochen,

dass etwas Besonderes und Gutes in ihr Leben kommt, von dem sie noch kaum etwas

ahnt. Eine Art Vorfreude breitet sich in ihr aus. Und hätte sie jemand gefragt,

sie hätte gar nicht sagen können, worauf. Monatelang hatten Freunde, Bekannte,

Nachbarn auf sie eingeredet. Das Leben geht doch weiter, hatten sie gesagt. Nun

muss es aber auch mal ein Ende haben mit deiner Trauer. Denk doch mal wieder an

dich selbst. All das hatte nichts wegnehmen können von ihrer Last. „Alles hat

seine Zeit.“ (Die Bibel, Prediger 3,1) An diese alten biblischen Worte erinnert

sie sich jetzt. „Ein jegliches hat seine Stunde, weinen und lachen, klagen und

tanzen.“ (Die Bibel, Prediger 3,4) Ja, so erlebt sie es gerade. Den Abschied

von ihrem Mann – hat sie nicht selbst bestimmen können. Die Leichtigkeit dieses

Morgens – hat niemand herbeireden können.

Jetzt,

plötzlich, an diesem frühen Morgen, ist es geschehen. Ohne ihr Zutun, einfach

so. Der Schmerz hat von sich aus über Nacht seinen Abschied genommen. Und sie

hatte schon gedacht: Aus dieser Krise komme ich nie wieder heraus… Welch ein

Segen, kann sie nur immer wieder denken, welch ein Segen. Jede Trauer braucht

ihre eigene Zeit. Tatsächlich kann sich vieles über Nacht ändern, können

entscheidende Veränderungen in frühen Morgenstunden eintreten. Das hat sie

schon oft gehört. Das hohe Fieber ist runter, eine persönliche Entscheidung ist

endlich reif oder plötzlich ist da der Mut, einen neuen Weg einzuschlagen. Gott

erreicht viele Menschen scheinbar ganz besonders gut in den ersten

Morgenstunden. Denkt sie. Dann, wenn meine Willensanstrengung am tiefsten Punkt

ruht. Dann kann Gott besser berühren und stärken, was in mir heil und gut

werden will.

Und

das Herz wird leichter und öffnet sich für Wege, über die ich nur staunen kann.

Gleich will sie das ihrer Freundin erzählen. Sie wird sich mitfreuen.

Einen

guten Morgen und einen guten Tag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Michael Opitz aus

Düsseldorf.

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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  • 13.12.2022
  • Michael Opitz
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