Ostern

Kirche in 1Live | 19.04.2022 | 00:00 Uhr

Ostern war ich bei meinem

Patenkind Finn. „Ich muss dir unbedingt eine Geschichte erzählen“, ruft er,

zeigt mir seine Kinderbibel und erzählt mir die ganze Geschichte von Jesus und

Ostern und wie er gestorben und nach drei Tagen wiedergekommen ist. „Da ist das

Grab, und das ist leer“, ruft Finn und zeigt auf ein Bild. Ich weiß nicht, wann

ich die Geschichte das letzte Mal gehört habe, aber in dem Moment merke ich:

Ich brauch die. Diese abgedrehte Geschichte von einem, der vom Tod aufersteht.

Ich brauch sie, damit ich neu

daran glauben kann, dass irgendwann wieder Leute in der Innenstadt von der

ukrainischen Stadt Bucha in der Sonne spazieren und Eis essen werden.

Ich brauch sie, damit ich

weiter hoffen kann, dass unsere Erde sich von dem ganzen Mist, den wir hier anstellen,

wieder erholen wird.

Ich brauch sie, weil sie mir

erzählt, dass ich mit meinem Vater nach diesem letzten großen Krach irgendwann

wieder normal reden kann.

Ich brauch sie, weil ich mir

wünsche, dass meine Mitbewohnerin nach Zusammenbruch und Klinik irgendwann

wieder an unserem Küchentisch sitzt und lacht.

Vorstellen kann ich mir das

alles nicht. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Aber das weiß ich bei Ostern

ja auch nicht.

„Sag mal, hörst du mir

eigentlich zu?“ fragt Finn streng, als er merkt, dass ich in Gedanken woanders

bin. „Sorry“, sag ich, „tut mir leid. Magst du mir das nochmal erzählen?“

„Wenn‘ sein muss“, stöhnt

Finn, und er hat ja so recht.

Sprecher: Jan Primke

Redaktion: Daniel Schneider

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  • 19.4.2022
  • Holger Pyka
  • © CCO Pixabay
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