Schweigen können

Kirche in WDR2 | 10.02.2024 | 00:00 Uhr

Wer hat recht? Im Zweifelsfall ich. Das ist so

menschlich. Und ist auch eine Art Überlebensstrategie.

Es hat aber auch eine

Kehrseite und das kann man in diversen Talkshows erleben und jede bei sich zuhause

am Küchentisch auch: Menschen treffen aufeinander, konträre Positionen,

Wort schlägt Wort. Jeder aus

voller Überzeugung. Kein Gespräch mehr, keine Debatte. Eigentlich sprechen zwei

aneinander vorbei. Und am Ende fühlt sich jeder: nicht verstanden, ungerecht

behandelt, provoziert.

An der Universität in Haifa

in Israel gab es jetzt ein Experiment mit 100 Personen über die Frage: Wie reden

wir miteinander. Ein Ergebnis, und das nennen die Forscher „Boomerang-Effekt“:

Jeder Mensch hat den Drang, auf ein Argument des anderen selbst noch ein

besseres, härteres draufzusetzen. Und er denkt dann in der Debatte auch nur

noch daran und hört gar nicht mehr zu.

Doch was passiert, wenn ein

Gesprächspartner wirklich auf die Sichtweise des anderen hört? Dann läuft der andere

nicht heiß und er kommt selbst ins Nachdenken. Die Forscher sagen: Der

Schlüssel zu einem guten Gespräch ist Schweigen.

Interessant finde ich, dass

diese Studie in Israel durchgeführt worden ist, wo ja nun heftige Konflikte aufeinanderprallen,

der Krieg in Gaza und auch im Land selbst, und einem zunehmend die Phantasie

fehlt, wie sich das lösen lässt.

Mehr Schweigen. Jesus hat das

vorgemacht. Als die Volkseele brodelt, und die Menschen eine Sünderin steinigen

wollen, setzt er sich auf den Boden, schweigt und malt erst einmal mit den

Händen in den Sand. Und sagt dann nachher nur diesen einen Satz: „Wer ohne

Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ (Johannes Kap. 8)

Wer schweigt, kann zuhören, sich

in die Situation einfühlen, auf neue Gedanken kommen.

Einfach mal Mund halten. Gar

nicht so einfach. Manchmal muss man sich wohl innerlich auf die Zunge beißen

oder wie Jesus in den Sand malen. Schweigen kostet Kraft. Aber es lohnt sich. Es

wird nachdenklicher. Es entsteht Nähe. Und am Ende kann sich ganz viel

verändern. Bei Jesus ziehen die Menschen ab. Es gibt keine Steinigung. Ein

Segen.

Ist das die Zukunft unserer

Talkshows? Löst das den Konflikt im Nahen Osten? Ich weiß es nicht. Aber ich

kann anfangen bei mir in meinen Debatten mit meiner Frau, meinen Kindern, den

Kollegen im Büro. Weniger selbst reden. Stiller werden und zuhören.

Quellen:

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37917499/

https://www.sueddeutsche.de/wissen/polarisierung-debatte-zuhoeren-1.6301098

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

https://www.kirche-im-wdr.de/uploads/tx_krrprogram/63254_WDR2240210Gerhardt.mp3

  • 10.2.2024
  • Joachim Gerhardt
  • © CCO Pixabay
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