Drei Heldinnen

Sonntagskirche | 01.05.2022 | 00:00 Uhr

Guten Morgen!

Ich schaue ins Zimmer in der

Frauenklinik. Mein Blick fällt auf die Postkarte, die am Fenster lehnt. Selbst

gestaltet, von Hand geschrieben. Drei Heldinnen, steht drauf.

Ich weiß, wer die drei

Heldinnen sind. Eine ist die Patientin. Die zweite ist ihre Ehefrau. Und die

dritte ist das ungeborene Kind der beiden, ein Mädchen. Es hat eine schwere

Prognose, wir bangen alle – die beiden Mamis und das Team der Geburtshilfe.

Drei Heldinnen. Ich weiß auch

warum. Weil sie aushalten. Stark bleiben in aller Schwäche und Sorge. Weil sie

ans Leben glauben. Weil sie zusammenstehen. Weil alle finstere Prognose nicht

stark genug ist, ihre Liebe zu stören.

Die Geschichte der drei ist

gut ausgegangen. Die kleine dritte Heldin wurde geboren und mittlerweile läuft

sie. Sie erlebt eine unbeschwerte Kindheit, entdeckt die Faszination jedes

Steins und zeigt mit Wonne auf Flugzeuge am Himmel. Sie machen ihr keine Angst.

Das ist eine Heldinnengeschichte,

die mich stärkt. Ich durfte sie begleiten, als Krankenhausseelsorgerin.

Die Weltgeschichte ist voller

Heldengeschichten. Heldendramen und Heldenerzählungen. Heroische Taten, oft mit

Macht und Gewalt verbunden. Bis in unsere bitteren Tage. Heldengeschichten

werden in Kriegszeiten erzählt. Da stehen sie, meistens starke Männer, die

„Großartiges“ vollbringen. Da bedeuten die Flugzeuge am Himmel Gefahr. Tod und Gewalt

bilden die Kulisse.

Helden, die die Welt nicht

braucht.

Die Welt braucht keine

Machtmenschen und keine Rücksichtslosen, keine Territorien-Erweiterer und

Kämpfer. Sie braucht solche Heldinnen und Helden wie diese drei im Krankenhaus.

Die Bibel kennt auch Helden.

Die zwei Hebammen im Buch Exodus, die mutig den kleinen Mose verstecken, obwohl

der Herrscher befohlen hat, ihn zu töten. Mose, der sich vor den Pharao stellt

und für die Freiheit seines Volkes kämpft, obwohl ihm die Worte fehlen.

Diese Heldinnen und Helden

kämpfen für das Leben. Sie glauben an Freiheit und an die Kraft des Glaubens.

Der Glaube macht ihnen Mut und macht sie stark. Sie schaffen es, an das

Unmögliche zu glauben, sie kämpfen für Freiheit und Zukunft, auch unter

widrigen Umständen und unter Unrechtsregimen.

Manche sagen in diesen Tagen

„das ist ein Held“, wenn sie den ukrainischen Präsidenten sehen – übernächtigt,

im immer olivgrünen Oberteil, bestürzt, aber entschlossen, mit eindringlichen

Worten an seine Landsleute. Er ist eine Gestalt des Ausharrens, des Mutmachens.

Ich weiß, dass das Ukrainerinnen und Ukrainern gut tut. Sie sind stolz auf

ihren Präsidenten.

Ja, vielleicht ist auch er

ein Held.

Ich möchte mir den Maßstab

für meine Heldengeschichten von

den drei Heldinnen in der Frauenklinik geben lassen, die mich eher an die

Heldinnen und Helden der Bibel erinnern. Ich möchte solche Geschichten

erzählen.

Das sind echte Gegengeschichten gegen

weltliche Heldengeschichten; gegen die, die meist nicht von denen erzählen, die

dabei auf der Strecke bleiben, die unermesslich leiden.

Die drei Heldinnen, die

Helden der Bibel, sie glauben gegen alles an, was das Leben bedroht und

zerstört. Ihre Stärke ist die Hoffnung, die unerschütterliche.

Ich wünsche Ihnen einen

gesegneten Sonntag.

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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  • 1.5.2022
  • Anke Prumbaum
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