Sonnenblumenkerne

Sonntagskirche | 12.05.2024 | 00:00 Uhr

Guten Morgen!

Auf dem Nachttisch der

Patientin liegen ein paar Sonnenblumenkerne. Ich berühre sie mit dem Finger und

schiebe sie ein bisschen auseinander. Die Patientin im Bett ist schwer krank –

der Tumor hat schon gestreut. Ich bin da, um mit ihr zu sprechen, als

Seelsorgerin.

Die Sonnenblumenkerne sind

nicht von mir. Dabei könnten sie es gut sein, denn sie sind gute Seelsorger.

Sie stehen für Hoffnung, für die schönen inneren Bilder von Farben und Blühen. Aber

auch für alles das, was wie in einer harten Schale eingeschlossen ist. Die

Patientin hat sie von der Nachtschwester bekommen. Vielleicht in einem langen

Nachtgespräch, das die zwei geführt haben, vielleicht als kurzen Trostmoment,

bis die Schmerzmittel endlich wirkten, ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht,

ob sie der Patientin erzählt hat, dass das Samenkorn in der Bibel für Hoffnung

steht. und ob das für sie selber womöglich wichtig ist. Das weiß ich alles

nicht. Was ich aber weiß: Diese Schwester hat der Patientin gutgetan.

Pflege ist hundertmal mehr

als waschen, verbinden, Medikamente reichen, Bett glattziehen. Weil die Pflege nämlich ausnahmslos immer da

ist, auch wenn alle anderen – die Seelsorgerinnen, Sozialarbeiter und

Psychologinnen – schon in den Feierabend gegangen sind. 24/7. Jedenfalls der

Idee nach ist das so, wenn nicht die Besetzung zu eng ist. „Denn wir sind auf

Kante genäht, und es wird nicht besser, und jede Pflegekraft, die geht, reißt

das Loch nur noch größer.“ So schreibt es Leah Weigand. Der Satz, den sie gerne

mal zu hören bekommt, ist „Also, ich könnte das nicht“, wenn sie erzählt, was

sie macht: sie ist Krankenschwester, in korrekter Bezeichnung heißt das

heutzutage Fachfrau für Gesundheits- und Krankenpflege.

Das will kaum mehr einer

machen. Zu schlecht bezahlt und kaum wertgeschätzt. Das spiegelt sich alles in

dem Satz, den Leah Weigand zitiert: „Also, ich könnte das nicht.“

Leah Weigand ist

Poetry-Slammerin. Ihr Text heißt „Ungepflegt“ und er hat hunderttausende in den

sozialen Medien erreicht. Darin erzählt sie von dem, was sie tut als

Pflegekraft, was sie will, wenn sie es tut, warum sie es tut, und was sie daran

nicht mehr will.

Eine Liebeserklärung ans

Leben und eine krasse Anklage an die Gesellschaft, an das Gesundheitswesen. Und

in beidem hat sie Recht.

Ich erlebe es oft genug so,

dass die Frauen und Männer in der Pflege die eigentliche Seelsorge machen –

wenn sie denn Zeit dafür haben, was leider selten der Fall ist. Zu vollgepackt

sind die Schichten, viel zu dicht die Belegung der Stationen.

In der Bibel gibt es eine

Stelle, in der Jesus meint: Alles das, was ihr an Fürsorge und Pflege einem

anderen Menschen schenkt, das tut ihr letzten Endes an Gott.

Es erreicht Gott, wo ihr

nochmal das Gesicht wascht nach dem Abendessen und nach dem diensthabenden Arzt

klingelt, damit der Zugang doch nochmal neu gelegt wird und auf alle Fälle die

Medikamente laufen können. Und wo ihr im Zimmer bleibt und hinhört und zuhört,

obwohl eigentlich keine Zeit da ist. Das alles tut ihr auch Gott.

Das ist ein Bekenntnis, und

das ist ein biblisch begründeter Satz über die Pflege. Ich finde, ein solcher

Satz ist dran – heute, am Tag der Pflege, und auch an 364 anderen Tagen im

Jahr.

Ich wünsche Ihnen einen

gesegneten Sonntag.

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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  • Anke Prumbaum
  • © Foto von Zobia Shakar auf Unsplash
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