einigen, sich nicht zu einigen

Kirche in 1Live | 07.10.2022 | 00:00 Uhr

„Ey das ist unmöglich!“ ruft

Hanna. „Wie kann Allah einen Sohn haben, er ist doch kein Mensch!“ „Das habe

ich auch gar nicht gesagt!“ kontere ich und merke: Wir stecken schon wieder

mitten im Streit.

Hanna ist Muslima. Ich bin

Christin und ja: Wir streiten uns regelmäßig – vor allem über Gott. Nicht weil

jede von uns Recht haben möchte oder glaubt, die Weisheit mit Löffeln gefressen

zu haben, sondern weil wir uns gegenseitig ernst nehmen.

Das war nicht immer so:

Früher haben wir versucht, Gespräche über Religion zu vermeiden und haben das

Thema sofort gecancelt, falls wir doch aus Versehen darauf gestoßen sind. Zu

fremd schien der Glaube der anderen zu sein. Zu groß war die Angst, sich

gegenseitig zu verletzten.

Bis wir gemerkt haben: Unser

Verhalten ist nicht tolerant, sondern ignorant. Wenn wir die andere und ihren

Glauben wirklich ernst nehmen, müssen wir anerkennen, dass der Glaube zu ihr

und ihrer Weltansicht gehört. Wir müssen lernen, unseren Glauben zu erklären

und ihn hinterfragen zu lassen.

Oft bin ich müde nach so

einem Streit. Aber auch beschenkt mit neuen Gedanken über Gott und die Welt.

Und dann wünsche ich mir solche Gespräche auch für andere Themen und für unsere

Gesellschaft. Denn eins habe ich gelernt. Es tut gut, weniger zu canceln. Mehr

zu streiten und im Notfall festzuhalten: Wir einigen uns, uns nicht einigen zu

können.

Sprecherin: Lisa Kielbassa

Redaktion: Daniel

Schneider

https://www.kirche-im-wdr.de/uploads/tx_krrprogram/59276_1Live20221007Kielbassa.mp3

  • 7.10.2022
  • Lisa Kielbassa
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