Befreit zu neuem Leben

Das geistliche Wort | 19.05.2024 | 00:00 Uhr

Autorin: Ein langes Seil liegt auf dem Boden. Eine schlichte

Kordel. Irgendwo fängt sie an. Ein gutes Stück lang liegt sie im Raum. Am Ende ist

sie zusammengeknäult. Wirr und unübersichtlich. Neben dem Seil: ein Haufen

Steine – große, kleine, graue, braune, runde und kantige. Und daneben: ein

Blütenmeer, ein Haufen bunter Blütenköpfe – Astern und Malven in allen Farben.

Eine Lebenslinie soll entstehen in einem Beratungszimmer. Mayk hat sich

irgendwie festgefahren in seinem Leben. Ein Neuanfang will ihm nicht gelingen.

Deshalb sucht er Beratung.

In fast jeder

Lebensgeschichte gibt es Schweres. Wie gehen wir damit um? Wie kann es gelingen,

sich Neuem zuzuwenden, wenn das Alte noch so schwer wiegt? Wenn es nicht

Vergangenheit werden will.

Mayk steht neben seiner

Lebenslinie. Das gerade Stück Seil ist ihm weitgehend bekannt: seine

Vergangenheit wie auf einem Zeitstrahl. Das Knäul am Ende ist seine Zukunft:

das, was noch kommt – unberechenbar wie spannend – im Ungewissen. Der Übergang:

der kurze Moment der Gegenwart, von dem aus er schaut. Mayk will aufräumen,

aufräumen mit der Vergangenheit, um frei zu werden für eine neue, andere

Zukunft. Er betrachtet die Steine und die Blüten: schöne und schreckliche

Ereignisse in seinem Leben, das er jetzt aufräumen und erzählen will. Langsam

beginnt er einzelne Steine auf die Linie zu legen, verschiedene belastende

Ereignisse zu benennen, ihnen einen Ort zu geben. Manchmal geht das gut,

manchmal nur unter Tränen. Erstaunlich, wie präsent die alten Belastungen noch

sind, wie bedrängend. Und – Gott sei Dank! – sind zwischen den Steinen immer

auch Blüten. Selbst in Zeiten, die ganz schwer waren, einzelne blütenhafte

Erinnerungen.

Dann beginnt die eigentliche

Arbeit. Mayk muss sich noch einmal in allen Einzelheiten erinnern, eine

wirkliche Geschichte erzählen mit allen Details. Er muss die Gefühle, die ihn

noch heute überfluten, einordnen in die Geschichte von damals: das Entsetzen,

die Scham, die Angst, die unbändige Wut. Stück für Stück. Ereignis für

Ereignis. Eine Erzählung entsteht. Gefühle und Körpererinnerungen tauchen noch

einmal auf, werden ganz präsent, um dann eingebunden zu werden in die

Erzählung, in einen größeren Zusammenhang. Und so kann das Entsetzen und die

Wut und die Angst in den Fluss der Zeit eingehen und mehr und mehr

Vergangenheit werden. Was bleibt, ist die Geschichte, und die fühlt sich

plötzlich sehr weit weg an. So kann er sich

jetzt umdrehen und mit dem Teil der Lebensgeschichte beschäftigen, der vor ihm

liegt: mit dem Knäul am Boden, das er jetzt gestalten kann. Eine neue Freiheit

entsteht, Verantwortung zu übernehmen für sich und andere. Aufbruchsstimmung

macht sich breit nach langer schwerer Arbeit. Inspiration, Begeisterung.

Musik 1: Why Worry?

Titel: Why Worry? (Remastered 1996); Komposition: Mark Knopfler;

Interpreten: Dire Straights; Album: Brothers In Arms (Remastered 1996); Label: Mercury

(Universal Music); LC: 12342

Autorin: Christian Peitz ist einen solchen Weg gegangen. Heute

arbeitet er als Pädagoge und Märchenautor und leitet eine Bildungseinrichtung.

Es war ein einzelnes Ereignis bei ihm, das unverarbeitet in seiner

Vergangenheit lauerte. Ein großer Stein, der seine Lebenslinie geprägt hat

trotz vieler Blüten.

O-Ton Christian Peitz: Es

war ein Freitagnachmittag. Ich wollte zusammen mit meinem knapp drei Jahre

jüngeren Bruder und einem gemeinsamen Freund ins Kino fahren. Ich war 17 Jahre

alt und es war kleines Dorf im Münsterland. Am Busbahnhof kam uns dann ein

offenkundig rechtsgerichteter Jugendlicher entgegen, der auch schon Alkohol

getrunken hatte, und der hat einen Anlass zur körperlichen Auseinandersetzung

gesucht. Der hat provoziert – mehrfach – und dann auf einmal zugeschlagen. Und

erst hat er unseren Freund erwischt, der noch geflohen ist, dann kam er hinter

meinem Bruder und mir her, und im Versuch, uns zu schützen und uns zu

verteidigen, sind wir gemeinsam zu Boden geknallt, und ich bin mit dem Kopf auf

der Bordsteinkante aufgeschlagen, was zur Folge hatte, dass ich eine schwere

Kopfverletzung hatte, eine schwere Amnesie.

Autorin: Lange Zeit versucht Christian Peitz, sich nicht mit

diesem Vorfall zu beschäftigen, das alte Leben wieder aufzunehmen, so gut das

möglich ist. Er erlernt einen Beruf, gründet eine Familie, baut ein Haus. Dann bringt

ihn ein Kollege auf eine neue Spur:

O-Ton Christian Peitz: ich

habe ihm meine Geschichte erzählt, die liegt ja schon über 30 Jahre zurück und

ich habe sie schon tausend Mal erzählt, aber er hat eine interessante Frage

dazu gestellt, und die hat mich nochmal ins Nachdenken gebracht. … Ob ich jemand anders wäre, wenn mir das

nicht passiert wäre.

Autorin: Jetzt werden auch für Christian Peitz die Gefühle

sehr bedrängend. Die alte Geschichte kommt noch einmal ganz nah, drängt sich in

die Gegenwart mit Macht, schiebt alles andere in den Hintergrund. Und weil

Christian Peitz Literaturpädagoge ist und viel Erfahrung im Schreiben hat, ist aus

dem Bemühen, dies aufzuarbeiten, es wieder loszuwerden und ihm einen Platz

zuzuweisen in der Vergangenheit, ein Schreibprozess geworden. Am Ende entsteht

ein autobiographisches Buch. Titel: Ohne Bewusstsein.

O-Ton 3 Christian Peitz:

Also der Schreibprozess hat sehr lange gedauert, weil ich mit allem, was ich

geschrieben habe, auch auf neue Fragen gestoßen bin. Und es war ein zweifaches

Herangehen, einmal habe ich mich mit meinen Empfindungen befasst, mit den

Puzzlestücken der Geschichte, die mir bekannt waren, und ich habe versucht,

mich in die alte Zeit zurückzuversetzen, hab die Musik gehört, die ich zu der

Zeit gehört habe, Dire Straits, Joe Cocker und solche Sachen, die ich jetzt

heute gar nicht mehr so unbedingt so

höre, und ich habe versucht, alte Fotos zu finden aus der Zeit: Wie hat das damals ausgesehen?

Musik 2: Going Home

Titel: Going Home (Theme of the Local Hero); Komposition/Interpret: Mark

Knopfler; Album: Local Hero; Label: Vertigo (Universal Music); LC: 14513

Autorin: Das hat Christian Peitz total in den Bann gezogen. Der

Blick geht in dieser Zeit nur noch zurück. Gefesselt von den Gedanken an die

Vergangenheit war es nicht möglich, nach vorn zu schauen:

O-Ton Christian Peitz: in

der Zeit, in der ich mit der Aufarbeitung befasst war, habe ich gemerkt, dass

mein Fokus sehr auf diesen Fragestellungen lag. Also es war mir manchmal nicht

möglich, überhaupt an was anderes zu denken. Gerade Feierabendzeit, wenn ich im

Auto unterwegs war, Feiertage, Wochenenden, dann war mein Fokus sehr darauf

ausgerichtet, diese Fragen zu bewegen und zu versuchen zu verstehen.

Autorin: Am Ende hat sich dieser kraftzehrende Blick nach

hinten dann doch gelohnt. Das Ergebnis dieses Prozesses der Aufarbeitung

beschreibt Christian Peitz so:

O-Ton Christian Peitz: Es

fühlt sich jetzt an wie eine geordnete Schublade. Also: Was ist mir passiert? –

Das ist nicht mehr die Braselschublade mit den vielen losen Fäden von der

Gerichtsverhandlung, die dann irgendwann mal war, von ner unklaren Diagnose:

Was war eigentlich damals mit meinem Kopf los- und Offenen Fragen:

Identitätsveränderung: Wie war das alles? Das war für mich im Bild einer ganz

ungeordneten Braselschublade gut beschrieben – Das ist jetzt eine ganz aufgeräumte Schublade mit ganz unterschiedlichen

Fächern, die da drin sind.

Autorin: Ordnen, Sortieren, Einordnen, in einen Nacheinander

bringen, in Raum und Zeit – das hilft. Hilft auch dazu, wahrzunehmen: Das ist

Vergangenheit.

Die meisten brauchen noch

etwas, damit etwas Schweres wirklich eingeordnet ist, wirklich Vergangenheit

werden kann. Noch etwas braucht jede gute Geschichte: nicht nur Anfang und Ende

in Zeit und Raum, sondern auch einen Sinn, und auch das hat Christian Peitz in

besonderer Weise bewegt:

O-Ton Christian Peitz: Ich

glaub, das ist für mich ja ein doppeltes Problem gewesen, auf der einen Seite

nicht zu verstehen, was der Täter da überhaupt wollte – die Frage ist, ob er es

selbst verstanden hat -, und das andere ist, dass ich halt keine eigene

Erinnerung dran hatte: dass mir da etwas ganz Fürchterliches passiert ist, wo

ich selbst überhaupt keine Bilder habe. Und diese vielen Warum-Fragen haben

mich bewegt.

Autorin: Der Autor greift zu einem Stilmittel, das ihm sehr

vertraut ist. Er beschreibt die Geschichte noch einmal in Form eines Märchens.

O-Ton Christian Peitz: Und

da habe ich dann den Täter als zornigen Drachen beschrieben. Dieses Bild, das hilft mir sehr, weil ich die

Motivation des Täters: Was wollte er eigentlich? – Die weiß ich ja bis heute

nicht! – Er hat irgendwie Streit gesucht aus möglicherweise starker

persönlicher Unzufriedenheit heraus – aber der zornige Drache – für den brauche

ich keine Erklärung. 21.9: Als ich aber das Märchen geschrieben habe über den

zornigen Drachen, das war für mich klar: Jetzt ist es beantwortet, jetzt kann

ich ein Nachwort schreiben, jetzt kann ich es auf sich beruhen lassen.

Autorin: Der Zorn eines Drachens macht keinen Sinn. So kommt

die quälende Suche nach dem Sinn zur Ruhe. Jetzt ist auch für Christian Peitz

die Zeit gekommen, nach vorn zu schauen und sich neuen Dingen zuzuwenden. Er

hat sich als Schöffe im Jugendgericht zur Verfügung gestellt, will helfen,

junge Leute wieder auf den Weg zu bringen. Und in seiner pädagogischen Arbeit hat

er sich auch die Frage gestellt: Was muss man denn dafür tun, damit in Zukunft weniger

Menschen Opfer von Gewalt werden?

Musik 1: Why Worry?

Autorin: Eine schwere Erfahrung verarbeiten. Wie geht das?

Christian Peitz hat seinen Weg erzählt. Auch in der Bibel geht es immer wieder

um Menschen, die mit schweren Erfahrungen weiterleben müssen, sie verarbeiten

und einen neuen Weg finden müssen. Ich stelle mir vor: Nach sich dem Entsetzen über

das, was an Karfreitag geschehen war, mussten sich auch die Jünger Jesu einem

solchen Verarbeitungsprozess stellen. Voller Hoffnung waren sie nach Jerusalem

gekommen. Jetzt sollte die große Veränderung kommen. Jubelnde Menschen hatten

sie begrüßt. Alles war so euphorisch. Und dann das!

Folter, Kreuzigung. Mit Jesus sind alle ihre Träume gestorben. Dann haben sie

Frauen zusätzlich beunruhigt, die am folgenden Tag zum Grab gegangen sind. Das

sei leer gewesen.

Zwei von Ihnen sind wieder

einen Tag später nach Emmaus gegangen. Sie erzählen, einer habe sich zu ihnen

gesellt und Ihnen plötzlich die Augen geöffnet. Alles sei doch notwendig und

sinnvoll gewesen. In der Schrift, bei den Propheten sei es doch angekündigt

gewesen. Die Jünger sitzen viel zusammen. Wie eingeigelt. Wer soll sie denn

verstehen? Die Erfahrung von Karfreitag wirft Fragen auf. Heißt das jetzt, dass

alles umsonst war? Die vielen Blüten aus den Jahren, in denen sie mit Jesus

umhergezogen sind? Kann es sein, dass sie einem Trugbild gefolgt sind? Mission

gescheitert? Wie kann das jetzt weiter gehen?

Vielleicht haben sie die alten Texte wiederangeschaut, die Jesus auf dem

Weg nach Emmaus ins Spiel gebracht hatte. Wie war das mit der Verheißung?

Konnte das, was sie als so verstörend erlebt hatten, doch einen Sinn ergeben? Konnte

es sein, dass die Kraft Gottes so anders ist – so sehr nur in den Schwachen

mächtig? War gerade das die Botschaft?

Pfingsten beginnt es wieder

genauso: zurückgezogen. Die Gemeinschaft, die das Entsetzen teilt und die

Verzweiflung. Und dann ist plötzlich alles andres. Es ist wie ein Brausen, ein

frischer Wind, in dem der Geist Gottes weht, eine Erleuchtung, die Klarheit

schafft, die inspiriert und begeistert. Jetzt ergibt alles einen Sinn, nicht

nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Der Tod Jesu und die Auferstehung, die so

schwer zu greifen sind, ergeben plötzlich einen Sinn. Die Liebe Gottes ist

nicht totzukriegen.

Und auch der Auftrag ergibt jetzt

wieder Sinn: Predigen, taufen, die Liebe Gottes weitersagen: die Botschaft vom

Frieden, vom Glück der Gewaltlosigkeit, von der Gleichheit und der Würde aller

Menschen. Das weiterzusagen drängt sie nach draußen. Wieder zu den Menschen.

Das Leben hat die Jünger wieder. Sie können aufräumen mit dem Stück Leben, das

hinter ihnen liegt. Können zurückschauen auf Steine und Blüten und auf diesen

einen großen Stein. Können verstehen und es zur Ruhe kommen lassen. Das

Entsetzen des Kreuzes ist eingeordnet in Gottes Heilsplan mit den Menschen. Es

wird eingeordnet in die Verheißungen der Propheten. Und plötzlich fühlt sich

das Entsetzen an, als sei es sehr lange her. Petrus wird das predigen. Der

Geist Gottes wird helfen, dass alle es verstehen. Alle gemeinsam können wieder

nach vorn schauen, auf das Stück des Seils, das noch vor ihnen liegt. Sie

können wieder Zukunft gestalten, predigen, lehren, taufen, eine Kirche

gestalten als Gemeinschaft derer, die glauben. Das Wort von der Liebe Gottes zu

den Menschen in die Welt bringen. Das ist der Beginn, der Geburtstag der

Kirche.

Musik: New Beginning

Titel: New Beginning;

Komposition/Text/Interpretin: Judy Bailey; Album: Travelling; Label: Label:

Gerth Medien; LC: 13743

Autorin: So euphorisch, begeistert und inspiriert wird es

nicht bleiben. Bald schon wird die junge Kirche verfolgt werden. Auch diese

Zeiten münden irgendwann in den Fluss der Zeit ein. Neue Zeiten kommen. Das

Christentum wird Staatsreligion. Es bewegt sich weiter durch die Zeit. Auch

viele wenig rühmliche Dinge passieren: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung,

Religionskriege. Dinge, die Entsetzen verbreitet haben und Menschen verletzt

haben. Dinge, die es sich lohnt aufzuarbeiten genauso wie die Dinge, auf die

die Kirche stolz sein kann: der Einsatz für die Menschen in der Diakonie, der

Widerstand gegen Diktatur und Menschenverachtung, die Entdeckung der Freiheit

des Einzelnen, der Anfang von Mitbestimmung und Demokratie in der eigenen

Kirche, der Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Wieder eine Geschichte – ein Seil mit Steinen und Blüten.

Und ein neuer Stein: Sexuelle

Übergriffe in der Kirche. Auch hier tut Aufarbeitung Not, zuerst und besonders um

der Betroffenen willen und auch um der Kirche willen, die sonst im Entsetzen

gefangen bleibt, unfähig sich einer neuen Zukunft zuzuwenden. Auch dieser

Prozess wird schmerzhaft sein, aber wenn wir uns dem als Kirche nicht stellen,

wird Veränderung nicht möglich sein. Auch dieser Prozess wird bedeuten, dass

die Kirche innehält, sich mit sich selbst, dem vielfachen Versagen und

Schuldigwerden in ihrer Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt. Es braucht erst

das genaue Hinsehen, um dann die Kraft des Geistes Gottes neu zu entfesseln. Dann

wird die Kirche sich neu der Zukunft zuzuwenden für den Dienst an der Welt.

Dazu können wir den Geist von Pfingsten gebrauchen. Der gebe uns Mut und

Ausdauer und Kraft dazu.

Das wünscht heute Pfarrerin

Sabine Haupt-Scherer aus Bielefeld.

Musik: Keep on Walking

Titel: Keep on Walking; Komponist: Severin Sebastian Ebner, Patrick

Christopher Huber & Daniele Cuviello; Interpret: SameDay Records; Album: Never

Ending; Label: 2017 BLACKWOOD MUSIC; LC: 52980

Quellen:

Christian

Peitz Ohne Bewusstsein. Die Geschichte einer Körperverletzung. TimpeTe-Verlag,

Lüdinghausen 2023.

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

  • 19.5.2024
  • Sabine Haupt-Scherer
  • (Kirche im WDR)