Wunder

Kirche in WDR2 | 06.04.2022 | 00:00 Uhr

Wieder

mal stehe ich auf dem Friedhof. Es ist 8.15 Uhr, saukalt und noch keine

Menschenseele unterwegs. Die Kapellentüre ist noch geschlossen; also nehme ich

den Seiteneingang in das Friedhofsbäude.

Wie

immer sitzen die beiden Friedhofsbeamten hinter ihrem Schreibtisch. Sie nicken

mir freundlich zu und sagen: „Heute wieder Ordnungsamtsbestattung. Ist schon

vor drei Monaten gestorben. Unwahrscheinlich, dass jemand kommt, aber wer weiß,

manchmal kommt ja auch wer.“

Ich

nicke und laufe vorbei an Särgen, die schon mal für die folgenden Beerdigungen

bereitstehen.

An

den Anblick von mehreren Särgen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Woran ich

mich nie gewöhnen werde, ist der Anblick von Urnen bei

Ordnungsamtsbestattungen.

Die

Urne steht immer genauso da, wie sie aus dem Krematorium geliefert wird.

Obendrauf die unverbrennbare Platte, mit Namen, Geburts- und Sterbedatum drauf.

Die liegt im Sarg, wenn jemand verbrannt wird, damit man die Asche hinterher

auch richtig zuordnen kann. Normalerweise sieht man die nackte Kapsel nicht,

weil die Angehörigen Extraurnengehäuse beim Bestatter kaufen. Auf denen sind

dann der Name „in schön“ eingraviert oder Blumen oder sonst irgendetwas, was

dem, der Verstorbenen wichtig gewesen ist. Bei Ordnungsamtsbestattungen gibt es

nur die nackte, graue Urnenkapsel und darum ein schwarzes Netz. Das sieht in

etwa so aus, wie ein Zitronen-, oder Orangennetz, nur in schwarz.

Ich

ziehe mich um, und bereite mich innerlich darauf vor, dass ich das gleich

alleine mache, also zusammen mit den Friedhofsagestellten natürlich, aber halt

ohne Angehörige.

Trotzdem

gehe ich vorher nochmal vor die Kapelle, um nachzuschauen, ob nicht doch jemand

gekommen ist.

Und

dieses Mal steht eine kleine Gruppe von Menschen vor der Kapelle.

Ich

spreche sie an, und weil ich den Talar anhabe, wissen alle gleich, wer ich bin.

In

der Kapelle rücken wir Stühle zusammen und sprechen über den Verstorbenen.

Erst

sind sie scheu, die Friedhofskapelle ist nicht gerade gemütlich, aber

irgendwann öffnen sie sich dann und erzählen. Von dem, was sie mit dem

Verstorbenen verbindet; Was sie an ihm geschätzt haben; was sein Leben schwer

gemacht hat; worüber er sich gefreut hat.

Und

mit ihren Erzählungen wird aus der dunklen, muffigen Kapelle, mit der

schmucklosen Urne im schwarzen Netz ein warmer, lebendiger Ort. Sie schmücken

den Raum mit ihren Worten, und es ist als würde er inmitten ihrer Erzählungen

zu neuem Leben erstehen.

Und

für einen Moment stimmt es, das mit der Auferstehung der Toten.

Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

https://www.kirche-im-wdr.de/uploads/tx_krrprogram/57831_WDR220220406Uhrmeister.mp3

  • 6.4.2022
  • Judith Uhrmeister
  • © Lotz
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