Begehbares Gebet auf dem Weg zurück zur Normalität

„Gib uns Geduld in Leidenszeit, / gehorsam sein in Lieb und Leid“ – als Martin Luther diese Zeilen dichtete, lag Corona noch mehr als ein halbes Jahrtausend entfernt in der Zukunft. Doch das Lied „Vater unser im Himmelreich“ des Reformators gewinnt in diesen Tagen in der Aprather Kirche der Bergischen Diakonie in Wülfrath-Oberdüssel (Kreis Mettmann) eine enge Verbindung zur Pandemie. Neun Bilder zu den neun Strophen des Luther-Lieds sind dort im Rahmen der dritten Version der Installation „Reif für die Insel“ zu sehen. Und sie stehen dabei auch ein bisschen für die vorsichtige Hoffnung auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität.

Seit dem Frühjahr 2020 wird die Kirche auf dem zentralen Diakoniegelände aus Infektionsschutzgründen nicht mehr für Gottesdienste genutzt. Aber seit November vergangenen Jahres erfährt sie eine sich immer wieder verändernde kreative Neubestimmung . Unter Federführung des Offenen Ateliers, eines kunsttherapeutischen Angebots für Menschen mit und ohne psychische Beeinträchtigungen, ist die Kirche durch künstlerische Gestaltung zum spirituellen Erlebnisraum geworden, der den Besucherinnen und Besuchern unterschiedliche Inseln des Innehaltens bietet.

Die Bilder zum Luther-Lied umrahmen die Inselgestaltungen der vorherigen Installationen.

Neun Bilder anlässlich des Reformationsjubiläums entstanden

Die dritte Version, die seit Monatsanfang immer sonntags für eine Stunde erlebbar ist, unterscheidet sich in zweifacher Hinsicht von den Vorgänger-Installationen . Zum einen hat sie aufgrund der Bilder, die jeweils eine Liedstrophe interpretieren, weniger einen Ausstellungs-Charakter, sondern wirkt eher „wie ein begehbares Gebet“, sagt Sunci Matijanic, die das Offene Atelier zusammen mit Manuel Rohde leitet. Zum anderen sind die gezeigten Gemälde nicht aktuell entstanden, sondern gehen auf eine Idee der früheren Atelier-Leiterin Elke Voß-Klingler zurück. Sie und weitere dem Offenen Atelier verbundene Künstlerinnen und Künstler hatten die Bilder zum Reformationsjubiläum 2017 geschaffen und zunächst in der Kulturkirche Wülfrath ausgestellt. In der Aprather Kirche sind sie jetzt aber erstmals zu sehen.

Der Altar ist an seinen angestammten Platz zurückgekehrt

Für Matijanic wirken die Gemälde wie eine Art Rahmung für das, was in der Kirche noch von den beiden vorherigen Installationen an beständigen Inseln verblieben ist. Weiterhin können Betrachter und Betrachterinnen auf einer Spiegel-Insel die Erkenntnis gewinnen: „Ich bin wunderbar gemacht.“ Mitten im Kirchraum sorgt auch ein karger Baum, umsäumt von Steinen, für einen Blickfang: Denn an seinen Ästen baumeln viele bunte Plexiglasscheiben und schaffen so ein blinkendes Wunderwerk mit dem Namen „All deine Farben“. Und nach wie vor gibt es die Möglichkeit, Kerzen zu entzünden. Der Altar hingegen, der zuvor in die Kirche gerückt worden war, um dort als Gedanken- und Schreib-Tisch zu dienen, ist an seinen angestammten Platz zurückgekehrt. Die Atelier-Leiterin sieht darin auch ein Zeichen: „Es geht wieder ein bisschen zurück zur Normalität.“ Eine erste Taufe ist in der Kirche schon wieder gefeiert worden, auch die Konfirmationen stehen auf dem Plan. Statt des Altars bietet jetzt eine Art symbolischer Klagemauer die Gelegenheit, Fürbitten niederzuschreiben, zu rollen und zwischen die Steine der Mauer zu stecken.

Der Orientierungsplan zur Ausstellung

Offenes Atelier feiert sein 25-jähriges Bestehen

Die Ausstellung „Reif für die Insel III“ ist zugleich eingebettet in die Aktionen zum  Jubiläumsjahr des Offenen Ateliers der Bergischen Diakonie. Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens stellt das Atelier die Menschen in den Vordergrund, die sich mit Leidenschaft in schöpferische Prozesse mit ungewissem Ausgang stürzen und dabei mehr von sich zeigen, als man gewöhnlich voneinander zu sehen bekommt. Das gilt, seit im Frühjahr 1996 der erste Bildhauerkurs im Offenen Atelier an den Start ging. An der aktuellen Ausstellung haben Ingeborg Colsman, Thomas Gerhold, Claus Klingler, Ingolf Kriegsmann, Elke Voß-Klingler, Sunci Matijanic, Yonas Mehari, Manuel Rohde, Dirk Schäfer und Bewohnerinnen und Bewohner des Sozialtherapeutischen Wohnheims Poststraße in Velbert mitgewirkt.

  • 11.6.2021
  • Ekkehard Rüger
  • Florian Bach